Donnerstag, 4. Juli 2013

Juden in Shanghai

Einleitung


Unter dem Thema " Exil " stellen sich die meisten Menschen, sofern sie schon einmal etwas davon gehört haben, Amerika, Frankreich oder England vor. Die Jahre zwischen 1933 und 1939 stellen hierbei wiederum den Zeitraum dar, unter dem die meisten Menschen den Begriff Exile einordnen können. Dabei wird an die Vertreibung von Juden gedacht, die mit Schiffen von Hamburg nach Amerika oder England, oder mit dem Zug nach Frankreich flohen, kaum etwas Wertvolles dabei, nur mit dem Notwendigsten am Körper. Würde man Passanten auf offener Straße fragen, ob sie jemals von einem Exil in Shanghai gehört haben, würde man sicherlich meistens Kopfschütteln erhalten. Es ist aber keinesfalls verwunderlich, solche Reaktionen zu bekommen. So stellt das Thema: "Exil Shanghai" eines der jüngsten Forschungsfelder der Exilforschung dar. Erst 1997 wurde, anlässlich des 50 Jahrestages der Rückkehr von 295 NS-Flüchtlingen aus China, ein Symposium in Berlin abgehalten, was erstmals eine größere Öffentlichkeit über die Existenz eines Exils in Shanghai informierte. Seitdem wurde ein großes Kontaktnetzwerk zwischen ehemaligen Exilanten angelegt und in großen Bemühungen Zeitzeugenberichte, Fotos und Dokumente zusammengetragen. Bis heute sind viele Bücher und Berichte noch nicht aus dem Englischen übersetzt worden und es wird stetig neues Wissen zu dem außerordentlich interessanten Thema " Exil Shanghai " zusammengetragen. Daher besteht die Schwierigkeit beim Verfassen dieses Blogs nicht an der Substanz selbst, sondern vielmehr an der Zugänglichkeit zu diesem Thema, da es aufgrund seiner geringen Popularität schwierig ist, an geeignete Literatur zu gelangen. Außerordentlich ernüchternd ist ebenfalls die Erkenntnis, dass die meisten Bücher, die sich mit diesem Thema befassen, die gleichen Informationen über dieses Thema teilen. Ein Zugriff auf dieselben Quellen erschwert daher meine Forschung , was sich in der Informations-Darbietung in diesem Blog niederschlägt.
Was macht jedoch das Exil Shanghai so interessant? Es ist nicht das Exil des politischen Widerstandes gegen das NS-Regime, es war auch kein Exil in dem besondere Exilliteratur geboren wurde und auch kein Exil der Wissenschaft. Wer etwas dergleichen in Shanghai zu finden hofft, wird enttäuscht. Shanghai war vielmehr ein Exil der kleinen Leute, diejenigen die bis zuletzt in Deutschland ausharrten und schließlich doch verarmt, ausgeraubt und erniedrigt fliehen mussten. Es war für die Flüchtlinge keinesfalls eine leichte Entscheidung nach Shanghai zu fliehen, vielmehr war es der letzte und oft auch bittere Anker vor dem Gang in ein KZ. Schließlich hatte Shanghai bei den Leuten, die davon schon einmal gehört hatten, einen sehr schlechten Ruf. Bekannt war Shanghai bisweilen vor allem durch seine Funktion als Umschlagplatz für Opium, sowie für seine Kriminalität und Prostitution. Dieser Blog soll den Begriff " Exil der kleinen Leute " genauer untersuchen und zeigen, ob und inwieweit man diesen Begriff nutzen darf. Um einen Einblick in die Emigration nach Shanghai zu schaffen, werde ich die wichtigsten Berufssparten aufzeigen. Den Schluss meines Blogs stellt eine Analyse der größten Berufssparten in Shanghai sowie eine Abschlussdiskussion dar.

Aufbruch nach Shanghai


Die circa 17.000 jüdischen Flüchtlinge, die sich erst nach der " Reichskristallnacht " 1938 aus den deutschsprachigen Räumen aufmachten, um dem nationalsozialistischen Terror und dem sicheren Tod in einem der vielen KZs zu entkommen, waren, anders als die vielen jüdischen Flüchtlinge von 1933, verarmte und unerwünschte Individuen. Es waren Vertriebene, die von Europa verlassen, ihren langen Weg nach Shanghai mit einem Koffer voll ihrer wenigen Habe beschreiten mussten. Es mag sich einfach anhören, eine Fahrt nach Shanghai zu unternehmen und die entsprechende Überfahrt zu buchen. Dies war aber keinesfalls so einfach. Durch die " Arisierung " des Besitzes von jüdischen Familien war es den wenigsten möglich, eine Schifffahrt mit den verbundenen Kosten von ca. 550 Reichsmark, und die nötigen 400 US-Dollar als Vermögensnachweis für die Shanghaier-Behörden zu organisieren. Zwar gab es neben der Schifffahrt auch die Möglichkeit, mit der Transsibirischen Eisenbahn durch die Sowjetunion nach Mandschukuo und von dort aus mit dem Schiff nach Shanghai zu fahren, jedoch war diese Reise bei weitem nicht so komfortabel wie mit dem Schiff. Ein Beweis hierfür stellen die Reiseregeln der Sowjetunion für Passagiere der Transsibirischen Eisenbahn dar:

" DURCHREISE-ESTIMMUNGEN durch die Union der Sozialistischen Sowjet-Republik.
1. Reisende, die auf Grund von Transit-Sichtvermerken durch die U.d.S.S.R. reisen, sind im allgemeinen nicht berechtigt die Reise zu unterbrechen
2. Die Unterbrechung der Reise ist nur in Fällen von Natur-Katastrophen, [...] und Erkrankungen [...] zugelassen [...]
7. Ausländer, die Durchreise-Bestimmungen verletzen, werden nach allgemein gültigen Bestimmungen zur Verantwortung gezogen "1

Die Überfahrt war somit einem Arrest gleichzusetzen, die neben der monotonen Reise auch noch unangenehme Kontrollen beinhaltete. Schaut man auf die Flüchtlinge, die sich bereits 1933, also vor den Nürnberger Rassengesetzen, aufmachten, so stellt man fest, dass es vor allem religiöse und politische Flüchtlinge waren, die mehr aus Trotz ( um ihren politischen Kampf gegen den Nationalsozialismus im Exil fortzuführen ) oder aus dem Verlangen ihre Arbeit wieder im Exil aufnehmen zu können ( Universitätsprofessoren, Ärzte und Anwälte ), aus Deutschland flohen. Dass das jüdische Leben in Deutschland bereits 1933 völlig unmöglich geworden war, war den meisten Juden nicht bewusst oder sie wollten es nicht wahrhaben. Diejenigen, die erst 1939 den Entschluss fassen mussten, aus Deutschland zu fliehen oder in einem der KZs gefangengehalten zu werden/ bleiben, waren Menschen, die bis zuletzt in Deutschland ausharrten, weil sie kein Geld hatten in eines der Exile zu fliehen oder nicht die entsprechenden Kontakte besaßen, ein benötigtes Visum zu erhalten. Die volle Tragweite des Entschlusses, nach Asien zu fliehen, kann erst dann erkannt werden, wenn man versteht, dass ihnen als Staatenlose ( ab 1941 mit in Kraft treten der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz, was den Juden ihre Staatsbürgerschaft aberkannte ) die Türen in Europa versperrt wurden. Kein Land wollte diese mittellosen Flüchtlinge aufnehmen und so blieb ihnen keine andere Möglichkeit, ihr Glück in Shanghai zu suchen.
" Wo war denn Shanghai, wie kam man dorthin, was musste man mitnehmen? Was durfte man mitnehmen? " 2 Um überhaupt zu wissen, wo man hinreisen musste, wurde sicherlich nicht selten der Schulatlas der Kinder hervorgeholt und darin nach Shanghai gesucht. Selbst auf dem Papier scheint Shanghai außerhalb des Erreichbaren zu liegen, speziell wenn man auf ein Schiff angewiesen war, um die lange Passage zu schaffen. Nimmt man heutzutage selbst einen Atlas zur Hand und vergleicht die Strecke zwischen Berlin und Shanghai, so kommt man auf eine Distanz von 8400 Kilometern, die mit einem Ausreisekapital von 10 Reichsmark pro Person nur durch entsprechende Zuschüsse aus Hilfsorganisationen bezahlt werden konnte. Nachdem eine jüdische Familie die nötigen Tickets für eine Passage nach Shanghai hatte, begann ihre vier Wochen andauernde Fahrt, von Genua und Triest mit der " Llyod-Triestino-Linie "3 aus, nach Shanghai in eine ungewisse Zukunft und ein unbekanntes Land. Viele jüdische Familien mussten auf Karten erster Klasse zurückgreifen, da günstigere Tickets bereits verkauft waren. Entsprechend komfortabel gestaltete sich die Überfahrt nach Shanghai und einige bekamen den Eindruck, mehr auf einer Urlaubsreise als auf der Flucht zu sein. Einzig das Verbot bei Zwischenstopps, an Land gehen zu dürfen, rief die Erinnerung an die Gründe für ihre Flucht wieder in ihr Gedächtnis. So kamen sie, ihrem Recht genommen, sich Deutsche nennen zu dürfen, in Shanghais Hafen an. Die Berichte von Zeitzeugen sind nahezu alle gleich, wenn sie von ihren ersten Eindrücken bei der Einfahrt in den Hafen von Shanghai berichten. Keiner von ihnen hatte mit dem Gestank und dem Elend, der sie als Exilanten begrüßte, gerechnet.

Shanghai, die " Stadt über dem Meer "


Als Hafenstadt war Shanghai schon seit Mitte des 19 Jh. bei den Briten ein begehrtes Ziel, um ihren Einfluss auf den chinesischen Handel auszudehnen. Genau wie bei der aufgezwungenen Öffnung Japans durch die Europäer, wurde auch bei den Chinesen eine " Kanonenbootpolitik " angewendet, die ihren Höhepunkt im ersten " Opiumkrieg " ( 1839 - 1842 ) fand. Im anschließenden Vertrag von Nanking ( 29. August 1842 ) wurde China gezwungen, Hongkong an England abzutreten und fünf Häfen, darunter auch Shanghai, für den Welthandel zu öffnen. Mit dem Zuzug von Europäern und Russen, veränderte sich das Stadtbild Shanghais in den folgenden Jahrzehnten zunehmend und nahm nach und nach europäische Züge an. Somit war und ist Shanghai eine Stadt mit vielen Gesichtern. Fabriken, Theater, Kirchen, Galerien, kleine Handwerksbetriebe und Bordelle prägten das Stadtbild. Es war eine Stadt der Gegensätze, in der sich die Reichen den Genüssen des Westens und Ostens hingaben, Opern besuchten und in teuren Restaurants zu essen pflegten, in der aber auch Menschen auf offener Straße verhungerten, ermordet oder von Krankheiten dahingerafft wurden. " Die jüdischen Flüchtlinge, die seit 1938 kamen, fühlten sich als Ausgestoßene, am Ende der sozialen Stufenleiter. "4 Diejenigen Familien, die keine Freunde oder Familienangehörige in Shanghai hatten und sich ebenfalls keine Wohnung außerhalb Hongkous leisten konnten, mussten sich auf die Unterstützung der Hilfsorganisationen verlassen. Trotz der miserablen Situation in dem von den Japanern kontrollierten Distrikt Hongkou, darf man sich nicht davon täuschen lassen, dass es den dort lebenden Juden besser ging als den chinesischen Bewohnern des Distrikts. Hongkou war im Vergleich zu den internationalen Siedlungen und der " französischen Konzession ", ein verschmutztes und eng besiedeltes Gebiet, doch blieb den meisten Neuankömmlingen, die es sich nicht leisten konnten, in einem der beiden anderen Distrikten zu wohnen, nichts anderes übrig als sich dort eine Unterkunft zu suchen. In der " französischen Konzession " lebten 1930 ca. 434.885 Chinesen und 36.471 Ausländer, im " International Settlement " 971.397 Chinesen und 36.471 Ausländer. Die meisten Neuankömmlinge konnten den Verlust der Heimat und das Elend, in dem sie sich befanden, nicht begreifen, viele verschlossen die Augen, verzweifelten oder im besten Falle fingen sie in der fremden Heimat ein neues Leben an. Nichtsdestotrotz glaubten sie fast alle, dass der Krieg schon bald vorbei sein würde und man danach wieder nach Hause oder nach Amerika oder Israel reisen könnte. " Man ließ die Koffer halb gepackt."5
Nachdem die Exilanten die ersten Eindrücke verarbeitet hatten, wurden diejenigen, die keinerlei Bekannte oder Geld hatten, auf Laster geladen und in eines der sechs Flüchtlingslager gebracht. Für die Lagerordnung wurde jedem Flüchtling ein Merkblatt überreicht, welches das Zusammenleben und Überleben in Shanghai regeln sollte ( siehe Anlage 1. ). Jeder Neuankömmling erhielt von den Hilfsorganisationen eine Decke, ein Laken sowie Essbesteck. Für die Heimordnung war eine strikte Trennung zwischen Männern und Frauen vorgesehen, nur in Ausnahmefällen durften Familien zusammenleben. Von den erwähnten Hilfsorganisationen soll eine der ältesten Organisationen kurz erwähnt werden. Die HIAS6 ( = Hebrew Immigrant Aid Society ) gehörte zu den ältesten Hilfsorganisationen, die bereits 1922 in Harbin gegründet wurde. Für die Emigranten gab die Organisation Schecks bis zu 150 Dollar heraus, die später zurückgezahlt werden mussten, um den Emigranten eine Existenzgründung zu ermöglichen. Mit den steigenden Flüchtlingszahlen ab 1938 wurden vermehrt neue Organisationen gegründet, um der Schwemme an Exilanten Herr zu werden. Anhand der CD-ROM die im Buch Exil Shanghai beigelegt ist, wird für das Jahr 1944 eine Zahl von 14. 146 Personen genannt, die in dem von Japanern Kontrollierten Ghetto lebten.
Auch wenn die jüdischen Familien fernab der Heimat ein neues Leben begannen, so fanden sie schon kurz nach ihrer Ankunft Vertrautes vor. Soziale, kulturelle und religiöse Gewohnheiten konnten ohne Umstände in den Straßen Hongkous aufgenommen werden.

" Es gab eine vereinigte Gemeinde mit Gottesdiensten verschiedener Richtungen, eine deutschsprachige Presse mit drei Tageszeitungen [...]. Darüber hinaus existierten zwei Grundschulen, Berufs- und Erwachsenenbildungsseminare und sogar eine Tanzschule. "7

Diejenigen Viertel in den vorrangig europäische Juden lebten, wurden durch ihren kulturellen Einfluss von den Bewohner auch " klein Berlin " oder " little Vienna " genannt. Selbst mit dem Angriff auf Pearl Habor blieb das kulturelle Leben in Shanghai fast durchweg erhalten.

Lebenssituation der Emigranten in Shanghai


Den größten Kampf und die meisten Schwierigkeiten stellte die klimatische und hygienische Situation in Shanghai dar. Egon Moshe Kornblum, der bis 1948 in China lebte, schreibt hierzu folgendes:

" Am 29. März 1939 betrat ich das Schiff im italienischen Genua. Knapp vier Wochen später, am 25. April, kam ich in China an. Wir wurden in Camps untergebracht, wurden dort verpflegt und bekamen auch medizinische Betreuung. Das war in Shanghai sehr wichtig, da dort sehr viele Krankheiten verbreitet waren, angefangen bei Amöbenruhr, Fleckentyphus, Bauchtyphus bis hin zur Malaria. "8

Krankheiten die in Europa als ausgerottet galten oder gänzlich unbekannt waren, wurden für die Exilanten in den Straßen Shanghais oft zum Verhängnis. Wenige Wohnungen verfügten über einen Wasseranschluss, somit gab es in den meisten Wohnungen daher auch keine sanitären Einrichtungen. Zwar gab es Wasserpumpen, zu denen jeder Bewohner Zugang hatte, doch das Wasser, das man so bekam, musste mit Vorsicht genossen werden. Der Huangpu stellte die Wasserversorgung für die Stadt sicher. Sein Wasser wurde in einem Klärwerk zwar gereinigt, kam jedoch häufig mit Kloakenwasser in Berührung. Egal ob man nun das Wasser aus dem Huangpu oder von einem chinesischen Wasserhändler nahm, der vermutlich sein Wasser ebenfalls aus dem Huangpu bekam, es musste trotzdem immer abgekocht werden. Um ihre Notdurft nicht wie viele Chinesen auf offener Straße verrichten zu müssen, gab es in den Häusern Gemeinschaftstoiletten die aber mehr einem einfachen Plumpsklo glichen, oder sie mussten einen " Honigeimer "9 nutzen, dessen " Nachterde "10 am Morgen von einem chinesischen Kübelmann abgeholt und weiterverkauft wurde. Hinzu kamen die extremen klimatischen Bedingungen, die viele Europäer an die Grenzen ihrer Kraft brachten. Die durchschnittliche Temperatur in Shanghai betrug zwischen -19,6 °C im Dezember bis hin zu 40,4 °C im Juli11. Vor allem die hohe Luftfeuchtigkeit entzog den " Neuankömmlingen " die Kraft aus ihren Körpern und ließ sie während des Mittags schlapp werden und am Abend nicht einschlafen. Personen mit Herz-Kreislauf schwächen mussten während den Sommermonaten besonders leiden, und wer nicht aufpasste und leichtfertig handelte, starb an Hitzeschlag.
Peter Konicki, ein Shanghailänder, berichtet folgendes über seine klimatischen Erfahrungen im Sommer und im Winter :

" Das Klima ist ja subtropisch in Shanghai und die Hygiene minimal. [...] Das Moskitonetz war nicht praktikabel, darunter konnte man nicht atmen, das war dann so heiß, daß man lieber Moskitostiche in Kauf nahm, um Luft zu bekommen. [...] Winter 1943. Grimmige Kälte. [...] Am Türeingang des Lokals ( gemeint ist hier das Lokal gegenüber seines Zimmers ) hing, wie das heute noch üblich ist, zum Schutz vor der Kälte ein grüner Filzvorhang. Den durfte ich mir nachts, [...], als Zudecke mitnehmen. "12
Auf Druck Nazi-Deutschlands führten die verbündeten Japaner am 18. Februar 1943 Kontroll- und Zwangsmaßnahmen für die jüdische Bevölkerung Shanghais ein. Für die " Neuankömmlinge "13 ( als Juden wurden sie niemals bezeichnet ) wurde eine sogenannte " Designated Area " eingerichtet, was aber nur eine beschönigende Umschreibung für ein Ghetto war. Schließlich mussten die " staatenlosen Flüchtlinge " ihre Arbeit und Wohnung aufgeben und in das ca. 15.000 m² große Ghetto umziehen ( siehe Anlage 2. ), das bereits 100.000 Chinesen bewohnten. Es gab zwar im Vergleich zu Deutschland keine Mauern oder Stacheldraht, welche das Areal eingrenzten, jedoch Identitätskarten mit gelben Streifen sowie Kontrollpunkte. Um die " Designated Area verlassen zu dürfen, musste eine entsprechende Arbeit außerhalb des Ghettos nachgewiesen werden. Zu den entsprechenden Sperrstunden mussten sich alle Bewohner des Ghettos wieder im Areal eingefunden haben. Die Kontrollpunkte wurden nicht, wie zu erwarten, von Japanern sondern von Emigranten geleitet. Diese " baojia "14 waren mit Trillerpfeifen, Armbinden sowie Schlagstöcken ausgerüstet und in drei Kategorien der Mitgliedschaft eingeteilt:

  1. Pflichtbeitritt für gesunde, junge Männer.
  2. Alte und Nichtgesunde [sic!] hatten monatlich Pflichtbeiträge zu zahlen.
  3. Die freiwillige Mitgliedschaft.15

Dass diese Zusammenarbeit mit den Japanern von den anderen Ghettobewohner als Verrat an ihnen angesehen wurde, war verständlich. Man verachtete diese Kollaborateure, die der japanischen Sache ohne Widerstand gedient hatten, nur um einige wenige Vergünstigungen zu erhalten. Ein kleiner Abriss zu diesem kurzen Abschnitt des Shanghaier Ghettos sei erlaubt: Es mag verwundern, aber der Arm Nazideutschlands reichte ebenfalls bis nach Shanghai. Neben den Ortsgruppen, die sich bereits kurz nach Hitlers Machtübernahme gebildet hatten, wurde auch die Gestapo nach Shanghai gesandt, um mit den japanischen Verbündeten über die Judenfrage zu beratschlagen. Die Gesandten aus Deutschland legten Vorschläge vor, wie mit den Juden zu verfahren sei. Unter anderem wurde vorgeschlagen, die Juden auf fahruntüchtige Schiffe zu bringen die dann auf dem Meer versenkt werden sollten. Es gab ebenfalls Pläne für Konzentrationslager nach deutschem Vorbild mit Gaskammern, die auf den Inseln vor Shanghai gebaut werden sollten. Glücklicherweise war den Japanern solch eine Behandlung der " Neuankömmlinge " zuwider, und man verwarf die Pläne. Der schwerste Tag für die Exilanten war der " Schwarze Freitag der Emigration " 16, als am 17. Juli 1945 das Ghetto von amerikanischen Bombern getroffen wurde. Bei diesem Angriff starben 4000 Menschen, 250 wurden verletzt und 700 verloren ihr Haus 17, Am folgenden Tag wurde das Ghetto offiziell von den Amerikaner befreit.

Exil der kleinen Leute? Analyse des Begriffs anhand von Exilanten Schicksale


" Exil der kleinen Leute ", der Begriff für sich ist äußerst schwammig und benötigt daher eine Interpretation seiner Bedeutung. Wenn man die Worte klein und Leute nun auslegen soll, ergeben sich verschiedene Perspektiven, wie man diesen Begriff in der Exilforschung einordnen kann.
Unter " kleine Leute " kann man diejenige Sparte von Menschen verstehen, die man zu einer niedrigen sozialen Schicht einordnen kann. Menschen, die eine einfache Schulbildung genossen haben und ebenso einen einfachen Abschluss haben. Wenn man so sagen kann, das einfache Bürgertum, zu denen man Bäcker, Händler, Handwerker, Verkäufer und Kellner zählen kann. Keinesfalls soll dies eine Abwertung sein, es trifft jedoch den Kern der Vermutung, dass gerade diese einfachen Menschen sich erst spät zu einer Flucht aus Deutschland entschieden haben, da sie keinerlei Kontakte ins Ausland besaßen und über bescheidene finanzielle Mittel verfügten, schon vor der Enteignung durch die Nazis. Es mag eine gute Idee sein, solch eine Perspektive für die Exilanten zu wählen, trifft sie doch teilweise auch zu. Schaut man jedoch auf die Berufsfelder, die sich in Shanghai ansiedelten, so merkt man, dass sich ebenfalls Akademiker wie Ärzte in Shanghai niederließen, die eigentlich, so könnte man meinen, das nötige Geld für ein europäischeres Exil besaßen. Darum soll eine zweite mögliche Perspektive auf den Begriff vorgestellt werden. Wenn man vom " Exil der kleinen Leute " spricht, so muss es doch auch ein " Exil der großen Leute " geben. Groß im Sinne von wichtigen Persönlichkeiten, die im Exil als Wissenschaftler wichtige Forschungsfelder untersuchten, als Literaten großartige Bücher schrieben oder als Widerstandskämpfer gegen den NS-Staat kämpften. Beide Perspektiven sollten daher für das Verstehen des Themas " Exil der kleinen Leute ". Shanghai war niemals der Ort an dem wissenschaftliche Durchbrüche oder große Exilliteratur entstanden. Shanghai war aber auch niemals der Ort, an dem sich ein einfaches Leben leben ließ.
Doch wer waren nun diese Menschen, die fernab ihrer Heimat in Shanghai zu überleben versuchten? Das Spektrum derer, die flohen, reicht von Akademikern bis hin zu einfachen Handwerkern oder sogar Flüchtlingen, die keinerlei Ausbildung besaßen.

Handwerker:


Heinz Kronheim, Sohn eines jüdischen Uhrmachers, der 1939 mit seiner Familie nach Shanghai floh, stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Uhrmacher Familie in der Nähe von Königsberg. Nach den Nürnberger Rassengesetzen musste sein Vater die kleine Familienwerkstatt schließen, Heinz selber wurde 1938 nach Buchenwald verschleppt und kam nur unter der Anordnung frei, " ... als unerwünschter Nichtarier das Deutsche Reich innerhalb kürzester Zeit zu verlassen. " 18 Wie ihm ging es vielen Juden, die sich nur durch eine Abreise in ein anderes Land vor dem Tod in einem der KZs retten konnten. Zu seinem Abschied wurde ihm von seinem Vater dessen Uhrenwerkzeug überlassen, das Kronheim bis nach Shanghai schmuggelte. Kronheim hielt sich die erste Zeit mit Gelegenheitsarbeit über Wasser und brachte so seine Familie mehr schlecht als recht durch den Shanghaier-Alltag. Seinen eigentlichen Beruf als Uhrmacher konnte er für mehr als ein halbes Jahr nicht ausführen, bis auf ein paar Aushilfen in einem chinesischen Uhrengeschäft. Schließlich schaffte es Kronheim mehr durch Zufall und Glück, ein kleines Geschäft aufzubauen, das der Familie einen gewissen Wohlstand im Vergleich zu den anderen Flüchtlingen, einbrachte. Kleider und Schuhe konnten gekauft werden und selbst etwas Geld zum Sparen blieb übrig. Kronheims schafften es gemeinsam, durch diese Zeit hindurch zukommen, bis sie 1945 nach Israel auswanderten und Shanghai als Erinnerung zurückließen.
Gegründete Geschäfte waren anfangs hauptsächlich auf die eigenen Mitexilanten ausgerichtet, doch mit der Zeit wurde die Arbeit der Exilanten auch in den Settlements bekannt und man baute Geschäftsbeziehungen selbst zu reichen Chinesen auf, die anfangs skeptisch gegenüber der ausländischen Ware waren. Exilanten die es zu größeren Betrieben gebracht hatten, wie Webereien und Färbereien, belieferten vom lokalen Schneider bis hin zu Firmen in Südamerika. Die Spannbreite der Gewerbe war äußerst vielseitig. Alles was man einmal in der alten Heimat gelernt hatte, ob es von der Mutter das Nähen oder vom Vater das Kerzenziehen war, wurde für das heimische Gewerbe genutzt. So wurde in den Heimbetrieben unter anderem Mottenpulver, Schuhpasta oder Schuhcreme hergestellt.19

Ärzte:


Ein anderes Beispiel eines Exilanten-Schicksales ist der Arzt Dr. Max Mohr, der am 17. Oktober 1891 in Würzburg geboren wurde und nach seiner Schulzeit in München Medizin studierte. In Deutschland arbeitete Mohr nicht als Arzt, diese Tätigkeit nahm er erst im Laufe seines Aufenthalts in Shanghai auf, sondern er schrieb Romane und Theaterstücke. Mit seiner Komödie: " Improvisationen im Juni " 20 erreichte er seinen ersten Erfolg, aber kein Geld. Am 8. November 1934 reiste Mohr auf dem Schiff " Saarbrücken " nach Shanghai. Ob er dabei dem Nazi-Terror entkommen wollte, ist nicht bekannt. Jedoch schrieb er in einem Brief, dass er aus diesem " Scheiß- und Nebelland "21 heraus wollte. Interessant ist an seiner Geschichte die Tatsache, dass er als praktizierender Arzt in Shanghai jedem Kollegen, der ihn aus Deutschland anschrieb, davon abriet, nach Shanghai zu kommen. Auf die Bitte einer ärztlichen Organisation aus Deutschland, die Situation jüdischer Ärzte in Shanghai zu schildern, antwortete Mohr in einem Schreiben im Jahr 1935 folgendes:

" Insgesamt sind in den letzten zwei Jahren 17 jüdische Ärzte und 2 Zahnärzte aus Deutschland nach Shanghai gekommen [...], außerdem vier nichtarische Ärzte sowie ein arischer Arzt [...]. In dieser Zeit sind außerdem eine ganze Reihe anderer Ärzte nach Shanghai gekommen, darunter zwei ungarisch-jüdische Ärzte [...]. Ferner besteht seit einigen Jahren ein starker Zuzug von russischen Ärzten [...]. " 22
Die wenigsten dieser zugezogenen Ärzte besaßen eine eigene Praxis oder mussten sich gleich mit mehreren Ärzten eine Praxis teilen. Mit ihren Behandlungen lebten die Ärzte in Shanghai mehr schlecht als recht, da viele der Patienten nicht zahlen konnten oder wollten. Zur Eintreibung der Gebühren mussten viele praktizierende Ärzte auf sogenannte " Schroff "23 zurückgreifen. Ein Schroff war ein Eintreiber, der gegen gewissen Prozente der Gebühren zu den Leuten ging und das Geld eintrieb. Es mag verwundern, dass Ärzte in Shanghai es schwer hatten, wurde die riesige Stadt doch regelmäßig von Epidemien heimgesucht, geschweige denn von den alltäglichen Erkrankungen durch das feucht-warme Klima, das vor allem den Europäern zusetzte. Eine Erklärung für dieses Problem mag sein, dass neben dem Problem mit den Arztgebühren die kulturelle Einstellung der Patienten hier im Wege stand. Chinesische Patienten gingen vorrangig zu chinesischen Ärzten. Ebenso verhielt es sich mit den jüdischen oder russischen Exilanten. Jeder ging zu dem Arzt, mit dem er sich in seiner Muttersprache unterhalten konnte. und Mit dem Japanisch-Chinesischen Krieg verschlechterte sich die Situation auch für die Ärzte und es musste auf die Arbeit in Lazaretten umgestiegen werden. Eine ungemein schwere Arbeit, da viele Ärzte allgemein praktizierend waren und kaum Erfahrung im Behandeln von Kriegsverwundungen besaßen. In Hongkou gab es 1939 ein Krankenhaus, eine Ambulanz, eine Apotheke sowie eine Entbindungsstation, neben denen natürlich auch kleinere Arztbetriebe bestanden.

Kunst:


Exilanten die nach Shanghai kamen, viele von ihnen kamen direkt aus Dachau, waren zutiefst verstörte Individuen, die entwurzelt in ein völlig fremdes Land geworfen wurden. Somit konstruierten sich die Exilanten in Shanghai eine eigene Realität, die ihrer ursprünglichen Heimat glich oder zumindest ein Annäherung an diese sein sollte. Man versuchte das kulturelle Leben wieder aufzubauen, neu zu begründen. Theater und Kunst waren somit Berufsfelder in Shanghai, in denen sich ca. 200 Kulturschaffende 24 einfanden. Kaum einer von ihnen hatte einen bekannten Namen und die Arbeit im Theater oder der Oper reichte oft nicht aus, um zu überleben. Shanghai war trotzdem die Geburtsstätte einiger Theaterstücke, die von Exilanten während ihres Aufenthaltes geschrieben und aufgeführt wurden, aber niemals internationale Bekanntheit erhielten.
Einer der bedeutendsten Künstler Shanghais war David Ludwig Bloch, der 1910 im ober-pfälzischen Floß geboren wurde. Durch eine Hirnhautentzündung wurde Bloch taub und besuchte von 1923 bis 1925 eine Schule für Gehörlose in Jena, in der er seine Liebe zur Malerei fand. Bis 1938 studierte er in München an der " Staatlichen Akademie für angewandte Kunst "25, ehe ihm das weitere Studium aufgrund seiner jüdischen Abstammung verboten wurde. Schließlich wurde er vier Wochen lang in Dachau inhaftiert, bevor er durch die Unterstützung seines Bruders, der ihm ein Ticket nach Shanghai gekauft hatte, aus Deutschland floh. Zu seinen Arbeiten gehörten Zeichnungen des Shanghaier Stadtlebens mit seinen hellen und Schattenseiten. Vor allem das unwürdige Leben der Rikscha-Fahrer beeindruckte ihn sehr. Seine Zyklen " Ying Yang, Chinese Children " und " Beggars " 26erschienen nur in sehr geringer Stückzahl und sind heute nur in einigen wenigen Bibliotheken vorhanden. In Shanghai selber kann man sie nicht kaufen. Erst 1949 emigrierte Bloch aus Shanghai und verstarb 2002 in den USA.

Theater:


Gerhard Gerechter fasst die Bedeutung des kulturellen Lebens folgendermaßen zusammen: " Die Bedeutung des geistigen und künstlerischen Lebens trug wesentlich dazu bei, den Willen zum Ausharren zu bestärken [...] und das die Verzweiflung nicht um sich griff ist ein wesentlicher Verdienst dieser Künstler. "27
Die wichtigste Person des Exiltheaters, die " graue Eminenz "28 des Shanghaier Theaters , war Alfred Dreifuß ( 1902 - 1993 ) der einen großen Teil zum Aufbau des kulturellen Lebens in Shanghai beigetragen hat. Als Literat, Dramaturg, Regisseur und Journalist war er als Multifunktionalist bemüht, antifaschistisch auf der Bühne zu arbeiten. Seine Flucht nach Shanghai betrat er, nachdem er zwei Jahre in Gefängnissen und KZs inhaftiert wurde, wegen der Mitarbeit an einer kommunistischen Zeitung. Dreifußen`s Arbeiten als Theaterregisseur umfassten neben leichten Komödien wie " Gesellschaft " von John Galsworthy, auch schwere Aufführungen wie " Nathan der Weise " von Lessing. Ein großes Problem für Dreifuß Theaterstücke aufzuführen, war neben dem Fehlen geeigneter Theater ( man musste auf Schulen oder Kinos ausweichen ) auch das Problem der Beschaffung geeigneter Theaterstücke. Das Fehlen von Theaterstücken mag auch nicht überraschend sein, da bei der Flucht aus Deutschland sicherlich keiner der Exilanten daran gedacht hatte, seinen Koffer mit Theaterstücken vollzustopfen. Dreifuß legte seine Arbeit als Regisseur ab, nachdem er wiederholt schlechte Kritiken zur Wahl seiner Stücke erhalten hatte. Stattdessen organisierte er Konzerte, die bei den Zuschauern auf große Zustimmung trafen. Neben Konzerten gehörte die Oper zu den beliebtesten kulturellen Zeitvertreibungen für Exilanten. Die Kleinkunst wurde somit zum kulturellen Anker für viele Exilanten, die in ihrem Entwurzelungs-Prozess den Aufbau einer eigenen deutschen bzw. österreichischen Realität betrieben. Diese mimende Realität stellte nicht nur das Alte dar, sondern war auch eine Sphäre kreativen Schaffens und Hoffens.

Abschließende Diskussion über das " Exil der kleinen Leute "


Es ist keine einfache Aufgabe, das " Exil der kleinen Leute " zu begründen, fällt es doch schwer, mit den vorhandenen Informationen ein Bild darzustellen, das wissenschaftlich korrekt ist. Im Gegensatz zu der literarischen und politischen Prominenz, die sich schon früh aus Deutschland absetzen konnte, waren die " kleinen Leute ", als sie kein Geld und keine Staatsbürgerschaft mehr hatten, auch in den Ländern ( England, Argentinien, Amerika ) auf die sie hofften, nicht mehr willkommen.29
Shanghai war kein literarisches Exil, in dem Lion Feuchtwanger zusammen mit Thomas Mann unter Palmen Tee zu sich nahm. Das Leben der Dichtergötter im Exil Amerika kommt einem Paralleluniversum gleich, wenn man den Überlebenskampf der Exilanten in Shanghai dem gegenüberstellt. Shanghai war der allerletzte Fluchtpunkt vor dem Hitler-Regime. Man hatte ausgeharrt und gehofft, doch schließlich mussten man alles daran setzen, doch noch zu entkommen. Jüdische Handwerker stammten meist aus Wien, unter ihnen befanden sich Uhrmacher, Goldarbeiter, Schneider, Schuster, Fleischer, Automechaniker, Friseure, Putzmacherinnen und Schneiderinnen. Die wenigen Chemiker und Pharmazeuten, die sich nach Shanghai verirrt hatten, arbeiteten meist in chinesischen pharmazeutischen Fabriken. Die Committees versuchten durch Zusammenarbeit mit der chinesischen Regierung den Chemikern Arbeiten zu vermitteln. Der Beruf des kaufmännischen Angestellten stellte 1940, mit 2.30130 gemeldeten Personen, die größte Berufssparte in Shanghai dar. Die zweitgrößte Gruppe, sofern man sie dazu zählen kann, waren 535 gemeldete Arbeitslose. Die drittgrößte Gruppe waren Handelsvertreter mit 379 gemeldeten Personen. Insgesamt betrachtet, sind ein Großteil der aufgeführten Berufe in der Liste ( Siehe Anlage 3. )31 handwerkliche Berufe. Ärzte, Anwälte und Studenten stellten bei weitem den kleinsten Teil der Berufsfelder dar . Meist aus wohlhabenden Familien stammend und selbst mit einem entsprechenden Vermögen gesegnet, setzten sich eben jene, die zur Oberschicht gehörten, schon viel früher in bessere Exilländer ab. Somit blieb der harte Kern der Shanghailänder, Arbeiter aus der Mittel- und Unterschicht. Es war einfach nicht die Zeit und der Ort für große literarische Arbeit, abgesehen davon, dass die literarische Elite sich nicht nach Shanghai verirrt hatte. Theater und Kunst fanden zwar ihren Platz im Leben der Exilanten, trotzdem reichte die Arbeit im Theater als Schauspieler oder als Maler nicht aus, um zu überleben. Ein Zweiterwerb musste her. Das Theater hatte ohnehin Schwierigkeiten ein gewisses Niveau aufzubauen, um Stücke wie " Nathan der Weise " aufzuführen. Es fehlte an den nötigen Räumlichkeiten und Requisiten. Diejenigen Künstler, seien es Schauspieler oder Maler, die es in Shanghai zu einer gewissen Berühmtheit geschafft hatten, konnten nach der Ausreise aus Shanghai nach dem Krieg international nicht mehr an ihre Erfolge anknüpfen. Somit blieb der Mittelstand als größtes Feld übrig, in dem es einige zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatten. Shanghai war ebenfalls kein Ort der Wissenschaft. In keiner Quelle werden Forschungsinstitute erwähnt, in denen Exil-Wissenschaftler Arbeit hätten finden können. Wichtige deutsche Forscher waren ohnehin durch ihre wissenschaftlichen Kontakte ins Ausland schon früh von Amerikanern oder Engländern rekrutiert worden.
Somit kann Shanghai als " Exil der kleinen Leuten" bezeichnet werden und das in zweierlei Hinsicht. Shanghai war das Exil der Mittel- und Unterschicht sowie ein Exil das sich weder durch Wissenschaft, Literatur oder dem Kampf gegen den Faschismus hervorgetan hat. Trotzdem darf der Begriff nicht abwertend verstanden werden. Shanghai stellt, durch seine außergewöhnlichen Lebensgeschichten ein spannendes Themenfeld dar und sollte daher in der Exilforschung eine größere Aufmerksamkeit erhalten. Darüber hinaus, so muss man sagen, ist durch die sehr späte Forschungsaufnahme viel Material verloren gegangen. Ehemalige Shanghai-Exilanten waren schon 1997 in einem entsprechend hohen Alter und viele derer, die noch hätten interviewt werden können, sind mittlerweile verstorben. Somit ist die Exilforschung ein Kampf gegen die Zeit und eben jene späte Forschungsaufnahme führt dazu, dass Quellen versiegen und ihr Inhalt schwer rekonstruierbar bleibt.






Abbildungsverzeichnis


Anlage 1.


MERKBLATT.

Im Interesse der neuankommenden [sic!] Emigranten und der in Shanghai ansaessigen [sic!] Juden wird empfohlen, die nachstehenden Richtlinien genau zu beachten und zu befolgen. Andernfalls sind Fehler nicht zu vermeiden, die den Betreffenden und der Allgemeinheit sehr schaedlich [sic!] sein koennen [sic!].

1) Den Anordnungen der Helfer an den Schiffen ist unbedingt Folge zu leisten, da andernfalls eine geregelte Abwicklung der Landungs- und Zollformalitaeten [sic!]nicht moeglich [sic!] ist.
2) Jede Auskunftserteilung an fremde Personen, insbesondere an Reporter, Gruppenbildungen zwecks Presseaufnahmen und dergleichen sind verboten. Devisengeschaefte [sic!] mit Bordgeld sind gesetzlich strafbar.
3) Politische Gespräche sind strengstens Untersagt
4) Aus militaerischen [sic!] Gruenden [sic!] ist das fotografieren [sic!] in Hongkew verboten, das Tragen von fotografischen Apparaten ist zu unterlassen
5) Wohnungen koennen [sic!] nur auf Grund der vom Commitee ausgestellten Quartierscheine bezogen werden. Die Miete ist hoechstens [sic!] fuer [sic!] einen halben Monat im Vorraus zu bezahlen. Die Quartierzettel enthalten die erforderlichen Angaben.
6) Wohnungswechsel ohne Genehmigung und ohne Wissen der Committees sind unzulaessig [sic!], und hat gegebenenfalls Entzug der Unterstuetzung [sic!] zur Folge. Auch entstehen unnoetige [sic!] Mehrausgaben fuer [sic!] Gepaeckbefoerderung [sic!] und Verzoegern [sic!] in der Zustellung.
7) Die Gepaeckrevision [sic!] erfolgt unter Hilfelesitung von den dem Committee bekannten Spediteuren, die auch die Zustellung in das Haus bewerkstelligen. Die Firma, die bisher die Befoerderung [sic!] vorgenommen hat, ist " Oriental Express ". Die Kosten sind bei Uebergabe [sic!] des Gepaecks [sic!] zu entrichten.
8) Auffaelliges [sic!] Benehmen auf der Strasse, lautes Sprechen, das Herumlungern in Vorhallen in Hotels, und das Anschnorren von einzelnen Personen und Firmen ist unbedingt zu unterlassen. Wenn Firmen oder Privatpersonen aus Berufsgruenden [sic!] besucht werden sollen, stellt das Committee gegebenenfalls jederzeit Empfehlungschreiben aus. Das Betreten von Nachtlokalen, Bars, und die Beteiligung an Hasardspielen jeder Art, einschliesslich Spielapparaten ist verboten und hat die Entziehung der Unterstuetzung [sic!] zur Folge.
9) Sprechstunden finden an folgenden Tagen statt:
a) Relief Society for German and Austrian Jews ( Dr. Kurt Marx )
b) beim Internationalen Committee 190 Kiukiang Road ( Herr Paul Komor )
10) Die nach dem Meldegesetz vorgeschriebene Fragebogen sind von allen Neuankommenden auszufuellen [sic!] ( beim Internationalen Committee ). Weitere Anweisungn wegen der amtlichen Passkontrollen sind abzuwarten.
11) Die Teilnahme an den englischen Sparchkursen ist fuer [sic!] Unterstuetzungsempfaenger [sic!] Plicht.
12) Vor Taschendieben wird gewarnt. ( Handtaschen sorgfaeltig [sic!] tragen )

Wir wiederholen, [ dass ] diese Anweisungen, auch wenn sie in Form von Verboten gekleidet werden muessen [sic!] , im Interesse der Neuankommenden unvermeidbar und erforderlich sind. Zusammenarbeit zwischen den Committees und Neuankommenden macht die Durchfuehrung aller dieser Massnahmen leichter.
Relief Society for German and Austrian Jews, Internationales Committee,
Dr. K. Marx. Geschaeftsfuehrer [sic!] Paul Komor. Secretary
Schanghai, Januar 1939.









Quellenverzeichnis:


  1. CD-ROM, Exil Shanghai 1938 - 1947; Jüdisches Leben in der Emigration
  2. Lethbridge, H. J., All About Shanghai; A Standard Guidebook, Hong Kong 1983.
Literaturverzeichnis:

  1. Benz, Wolfgang ( Hg. ), Das Exil der kleinen Leute; Alltagserfahrungen deutscher Juden in der Emigration, München 1991.
  2. Buxbaum, Elisabeth, Transit Shanghai; Ein Leben im Exil, Wien 2008.
  3. Freyeisen, Astrid, Shanghai und die Politik des Dritten Reiches, Würzburg 2000.
  4. Jahn, Hajo ( Hrsg. ), Zwischen Theben und Shanghai; Jüdische Exilanten in China - Chinesische Exilanten in Europa, Köln 1998.
  5. Mühlberger, Sonja ( Hrsg. ), Exil Shanghai 1938 - 1947; Jüdisches Leben in der Emigration, Berlin 2000.
  6. Barzel, Amnon, Leben im Wartesaal Exil in Shanghai; 1938 - 1947, Berlin 1997.
  7. Kranzler, David H., Japanese, Nazis, [and] Jews the Jewish Refugee Community of Shanghai, 1938 - 1945, New York 1976.




















1Buxbaum, Elisabeth, Transit Shanghai; Ein Leben im Exil, Wien 2008, S. 22.
2Benz, Wolfgang ( Hg. ), Das Exil der kleinen Leute; Alltagserfahrungen deutscher Juden in der Emigration, München 1991, S. 110.
3Buxbaum, Transit Shanghai, S. 18.
4Benz, Wolfgang ( Hg. ), Das Exil der kleinen Leute; Alltagserfahrungen deutscher Juden in der Emigration, München 1991, S. 111.
5Wolfgang ( Hg. ), Das Exil der kleinen Leute, S. 112.
6Buxbaum,Transit Shanghai, S. 48.
7Jahn, Hajo ( Hrsg. ), Zwischen Theben und Shanghai; Jüdische Exilanten in China - Chinesische Exilanten in Europa, Köln 1998, S. 19.
8Hajo ( Hrsg. ), Zwischen Theben und Shanghai, S. 20.
9Buxbaum, Transit Shanghai; Ein Leben im Exil, S. 73.
10Buxbaum, Transit Shanghai, S. 73.
11Ebd., S. 63.
12Ebd., S. 65.
13Ebd., S. 9.
14Buxbaum, Transit Shanghai, S. 132.
15Ebd., S. 133.
16Ebd., S. 137.
17Freyeisen, Astrid, Shanghai und die Politik des Dritten Reiches, Würzburg 2000, S. 412.
18Benz ( Hg. ), Das Exil der kleinen Leute, S. 109.
19Buxbaum, Transit Shanghai, S. 80.
20Jahn, Hajo ( Hrsg. ), Zwischen Theben und Shanghai; Jüdische Exilanten in China - Chinesische Exilanten in Europa, Köln 1998, S. 68.
21Hajo ( Hrsg. ), Zwischen Theben und Shanghai, S. 71.
22Ebd., S. 73.
23Ebd., S. 79.
24 Buxbaum, Transit Shanghai, S. 140.
25Freyeisen, Shanghai und die Politik des Dritten Reiches, S. 415.
26 Buxbaum, Transit Shanghai, S. 108
27Freyeisen, Shanghai und die Politik des Dritten Reiches, S. 416.
28 Buxbaum, Transit Shanghai, S. 141.
29Benz ( Hg. ), Das Exil der kleinen Leute, S. 1.
30CD-ROM, Exil Shanghai 1938 - 1947; Jüdisches Leben in der Emigration, Bild 40.
31CD-ROM, Exil Shanghai 1938 - 1947; Jüdisches Leben in der Emigration, Bild 40 - 41.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen