Samstag, 6. Juli 2013

Roms Fähigkeit der Integration, als Weg zur Weltmacht. Analyse des Terminus anhand von Religion, Bundesgenossensystem und Domi militiae

Einleitung

Die Fähigkeit sich neuen Ideen und Einflüssen zu öffnen und diese sogar zu verbessern, stellt den Primus der Weiterentwicklung eines Systems dar. Diese Integration in ein bestehendes System ist notwendig und überlebenswichtig. So muss auf neue Einflüsse reagiert werden und eine entsprechende Anpassung stattfinden. Dieser Wille zur Weiterentwicklung ist nicht nur auf das biologische System eines Lebewesens beschränkt, sondern findet ebenfalls in der Substanz eines Staates statt. Wie ein Lebewesen auf neue Umwelteinflüsse reagieren muss, sei es Kälte oder Dürre, so muss auch ein Staat sich neuen Einflüssen, sei es kulturell, militärisch oder politisch stellen und darauf reagieren. Nicht das verschließen vor solchen Schwierigkeiten hält einen Staat stark und vital, sondern der offene Umgang mit neuen Problemen. Neue politische Feinde müssen verstanden, militärische Neuerungen analysiert und kulturelle Einflüsse integriert werden. So stellt sich Rom in der frühen Republik als außerordentlich anpassungsfähig dar und überzeugt gerade in den Anfangsphasen - man denke an den ersten punischen Krieg: durch Ideenreichtum und einem außerordentliches Durchhaltevermögen. Ist diese Integrationsfähigkeit eines Staates nun eine notwendige Voraussetzung um den Status einer Weltmacht zu erhalten und zu behalten, oder wird der offene Umgang mit Problemen überschätzt? Was sind die Vorteile und Nachteile eines integrativen Systems? Dieser Blog soll daher den Begriff der Integrationsfähigkeit Roms untersuchen und anhand von Religion, sowie teilen des Bundesgenossensystems und dem Begriff Domi Militiae, versuchen zu bestätigen. Weshalb gerade diese drei Faktoren als Untersuchungspunkte dienen sollen, zeigt sich erst in der genaueren Betrachtung des Aufbaus Roms. Auf den ersten Blick scheinen die genannten Punkte zwar eine Koexistenz aufzuweisen, doch gerade der Staat Rom schaffte es sie nicht nur koexistieren zu lassen, sondern sie sogar als symbiotische Beziehung zueinander zu stellen. Alle drei Aspekte vereinigten sich in einer Wechselwirkung zueinander, das eine Nennung des einen Faktors ohne das Vergleichen mit dem anderen zu keinem vollständigen Verständnis führen würde. Dieser Blog soll ebenfalls dazu dienen, die Besonderheit Roms hervorzuheben, indem sie eine Fragestellung versucht zu beantworten, die nach den vorhandenen Kenntnissen so in der Forschung noch keine Beachtung gefunden hat. Ebenfalls besteht die Hoffnung darin, mit der Forschungsfrage neue Ideen und Inspirationen für Historiker zu schaffen und eine neue Herangehensweise an das Thema Rom zu schaffen. Die Konkreten Fragen sind somit, wie das offene religiöse System, Rom zu einer Weltmachtstellung verhalf und warum gerade das Bundesgenossensystem und das Konstrukt hinter dem Begriff Domi Militiae dies förderte.

Religion

Der Austausch Roms mit benachbarten Völkern führte vor allem in seiner Anfangsphase sehr früh zur Entstehung einer römische Religion. Viele der römischen Götter haben daher ihren Ursprung unter anderem im Etruskischen, Vulkanus, im sabinischen, Vesta oder im lateinischen, Juno. Die Interaktion zwischen Göttern und den Menschen geschah durch numen, wobei meist Naturereignisse als Beweis göttlichen Wirkens dienten. Ab dem 6 JH. begannen die Römer ihre Götter mit den griechischen zu vergleichen und gleich zusetzen. Eine mögliche Erklärung hierfür mag möglicherweise die Armut an Mythen der römischen Religion sein und die wachsenden Bedürfnisse der einfachen Bürger. So ist als Beispiel der Vergleich zwischen dem griechischen Gott Zeus und dem römischen Gott Jupiter zu betrachten. Beide Geschichten handeln dabei von deren Vätern, die Angst hatten von ihren Kindern gestürzt zu werden. Ebenfalls interessant ist das Auftauchen des Meeresgottes Neptun in der römischen Religion, der erst mit zunehmender Schifffahrt auftauchte. Gerade hier kann man möglicherweise anknüpfen und sagen, dass Rom in Krisenzeiten sich neuen Göttern zuwendete, um innere Spannungen durch eine mögliche göttliche Unterstützung zu minimieren. Ganz nach dem Motto : " Rom ist es wert, daß dorthin sämtliche Gottheiten gehen. "1
Rüpke2 stellt den römischen Götterkult als Kommunikationsmarkt dar, bei dem jeder Gott als Symbol für unterschiedlichen Kommunikationszwecke diente. Neue Götter versprachen neue Möglichkeiten und Wege Bitten und Wünsche vorzubringen. Ich persönlich sehe diese Vereinfachung des römischen Götterkultes als problematisch an. Es mag stimmen, dass der römische Bürger im Laufe der Zeit neue Götter benötigte, um für neue Probleme einen Patronus zu haben, aber die Integration fremder Götter in das bestehende System nur als Weg zur Befriedigung der Bedürfnisse von Römern zu sehen ist meiner Ansicht nach nur eine Seite dieser Praxis. Man muss sicher eher fragen in welchen Zeiten und unter welchen Umständen neue Götter nach Rom gelangten. Eine Theorie mag sein, dass Verbündete durch die Übernahme einer Gottheit an das Reich fester gebunden werden konnten.
Ein konkretes Beispiel für die Theorie der Anbindung von Verbündeten zum römischen Reich mag die Überführung der Magner Marta nach Rom sein. Rom befand sich zu jener Zeit im zweiten punischen Krieg ( 218 - 201 v. Chr. ) gegen Karthago. Der Konflikt gegen Karthago sollte noch vier weitere Jahre bestehen, als 205 v. Chr. die sybillinischen Bücher befragt wurden. Um Karthago aus Italien zu vertreiben, musste die Mutter vom Ida aus Pessenius nach Rom gebracht werden.3 204 v. Chr. gelangte schließlich die Magna Mater nach Rom. Die Frage die sich stellt ist, wieso Rom in der Endphase des Krieges das Bedürfnis hatte, eine fremde Gottheit nach Rom zu überführen. Hierfür muss beachten werden, dass im Osten der erste makedonische Krieg mit dem eigenständigen Frieden4 (205 v. Chr.) zwischen Roms Verbündeten Ätolien und Philip V. Herrscher von Makedonien, einem Verbündeten Hannibals, in eine kritische Phase geriet. Der Stellvertreterkrieg im Osten lies im hellenischen Raum ein negatives Bild von Rom entstehen, musste Rom doch seine gesamten Kräfte auf den Krieg gegen Hannibal konzentrieren. Die Ankunft der Magner Marta kann somit als Versuch verstanden werden, den angeschlagenen Ruf im Osten zu verbessern und bestehende Bündnisse zu vertiefen, da der Rückzug Roms vom Kriegsschauplatz im Osten durch die sybillinischen Bücher gerechtfertigt werden konnte. Somit ist der integrative Charakter der römischen Religion in diesem Fall eine wichtige Voraussetzung für Rom gewesen, einen solch ernsten Krieg unter Kontrolle zu behalten.
Durch die Integration der Religion in das politische System Roms entstanden neue Möglichkeiten politische Entscheidungen zu rechtfertigen. Der Dienst als Quästor oder Ädil war nicht nur ein Weg die Ehre der eigenen Familie zu mehren, sondern neben dem Dienst für den Staat auch ein Dienst an den Göttern. Wichtige politische Entscheidungen konnten durch Zeichen ( Prodigia ) der Götter beschlossen, oder abgelehnt werden. Dabei ließ der römische Staat die Interpretation solcher Zeichen nicht einem einzelnen Individuum übrig, sondern es wurde eine eigene Institution mit dieser Aufgabe betraut. Auguren, Decimviri und Haruspices befragten unter anderem die sybillinischen Bücher, um die gesehenen Zeichen richtig zu interpretieren. Das dieser Vorgang keinesfalls zufällig verlief und einer gewissen politischen Manipulation unterworfen war, steht außer Frage. So konnten politische Gegner aus dem Weg geräumt-, oder politische Entscheidung über Krieg und Frieden gesteuert werden. Wie sollte dem Willen der Götter widersprochen werden, wenn hierfür berufene Priester den Willen der Götter entsprechend wiedergaben. Vor allem in Zeiten des Krieges konnte die römische Religion als politisches Instrument verwendet werden, um Ängste und innere Unruhen zu kontrollieren, oder Niederlagen eines Heeres so auszulegen, da der Wille der Götter missachtet wurde.
Cicero berichtet in diesem Zusammenhang von P. Claudius, der während des ersten punischen Krieges sich über die Götter lustig machte, indem er die Hühner, die nicht Fressen wollten, in das Meer warf unter der Aussage: " man möge sie in das Meer werfen damit sie trinken sollten wenn sie schon nicht fressen wollten. "5 Als folge dieses Frevels sieht Cicero den Untergang dessen Flotte als Strafe der Götter. Neben diesem Beispiel führt Cicero noch zwei weitere Vorfälle auf, in denen das Missachten der Vogelschau zu großen Tragödien geführt hat. Die Erkenntnis, die sich aus dem Bericht Ciceros ziehen lässt ist, dass politische Fehlentscheidungen nicht dem Senat oder einem Heer zugerechnet wurden, sondern einzelnen Männern, welche die römischen Rituale missachteten und somit als alleinige Schuldhaber zur Rechenschaft gezogen wurden. Diese scheinbar einfache Begebenheit besitzt jedoch einen starken politischen Hintergrund: so wurde selbst bei korrekter Durchführung von auspicien, die trotzdem zu einer Niederlage führten, ein Fehler im Ablauf gesucht, der nur einem Mann zugeschrieben werden konnte. Die psychologische Folge dieser Methode beruht auf der einfachen Tatsache, dass unter keinen Umständen der Verdacht des Versagens auf den römischen Staat oder den Senat zurückfallen konnte. Es wurde somit eine Blase der permanenten Kompetenz um Senat und Staat gezogen, die dazu führte, dass innere Unruhen sich auf Sühnerituale und den einzelnen Verursacher konzentrierten. Die Folge der Integration von Religion in die Politik zeigt also das politische Entscheidungen leichter gerechtfertigt werden konnten und somit der politische Apparat leichter und schneller arbeiten konnte. Zwar bedeutet die Manipulation der Politik durch die Religion eine Perversierung des Systems an sich, jedoch ist die Feststellung wie oft und wie sehr diese Manipulation genutzt wurde schwierig zu belegen. Cicero, selbst Augur gewesen, strich die Bedeutung seiner Priesterschaft durchaus heraus und fand vielfache Bestätigung konkreter und belegbarer Ereignisse durch Auspicien.6

Bundesgenossensystem

Antike Beobachter und heutige Forscher sehen in der römischen Armee den Grund für Roms Weltherrschaft, da kein vergleichbares Heer in der Antike, oder im Mittelalter, eine gleiche Mischung aus Kampfkraft, Größe, Disziplin und Organisation besaß. Zwei Faktoren nach Horsmann waren vor allem ausschlaggebend für die Qualität des römischen Heeres. Die disciplina militaris Romana7 setzt sich aus dem Faktor der Ausbildung und Übung sowie dem Faktor der Zucht und des Gehorsams zusammen. Nun soll aber nicht die Ausbildung des römischen Heeres behandelt werden (so ist hierfür die Quellenlage ohnehin äußerst schwierig), sondern der Integrationsfaktor der Bundesgenossen in das römische System untersucht werden. Es ist durchaus richtig, dass Roms ausgesprochen gut ausgearbeitetes Bundesgenossensystem und deren Integration in das römische Heer Rom verhalf den Status einer Weltmacht zu erlangen. Das der ursprüngliche Aufbau des Bundesgenossensystems keinesfalls friedlich verlief, zeigt die territoriale Eingliederung der Gebiete von Veii, Crustumerium und Fidnea in den Jahren 426 - 396 v. Chr..8 Wer sich nicht unterwarf, musste mit Vernichtung, Versklavung, oder Vertreibung rechnen. Das so eroberte Land wurde zu Teilen mit Römern und zu Teilen mit den ursprünglichen Einwohnern besiedelt. Zwar setzte Rom diese Praktik später nur noch gegen abtrünnige latinische Kolonien ein, jedoch zeigt dieses Verhalten, dass Rom durchaus gewillt war mit Feuer und Schwert seine Interessen auch an Verbündeten durchzusetzen. Man muss beachten, dass die integrative Herrschaft Roms nur dann stattfinden konnte, wenn eine Chance bestand, dass die zu integrierende Führungsschicht auch gewillt war zu kooperieren. Somit erklärt sich auch das harte durchgreifen Roms während seiner Anfangsphasen, da der Status als dominante Macht im italienischen Raum noch nicht gefestigt war. Die anfänglich dominante und direkte Herrschaft auf unterworfene Gebiete änderte sich nach dem Latinerkrieg in den Jahren 340 - 338 v. Chr. und ging über in eine Herrschaftsgestaltung, die nur gewisse Teile der Eigenstaatlichkeit beeinflussten und den Charakter einer integrativen Herrschaftsform annahmen. Die Frage welche Städte unter direkter Herrschaft Roms fielen und welche nicht, ist nicht einfach zu beantworten. Hantos9 hält das geographische Kriterium für die Eingliederung von Staaten in das römische Herrschaftsgebiet für fragwürdig, da manche Gebiete die gleich nah an Rom lagen nicht integriert-, andere jedoch integriert wurden. Ein mögliche Erklärung hierfür mag sein, dass Rom gefestigte Personenverbände nicht aufbrechen wollte, da Rom auf die Unterstützung der dortigen Führungsschicht angewiesen war. So bleibt die Vermutung, dass Rom anhand der Größe von Personenverbände entschied, ob ein Gebiet integriert wurde, oder ihre " Eigenständig " behielt. Somit setzt sich aus der Größe und der stärke eines Personenverbandes die Integrierbarkeit eines Gebietes zusammen. Trat ein Gebiet in die direkte Herrschaft Roms über, erfuhr die dort angesiedelte Führungsschicht eine Eingliederung in das Clientelgefüge Roms. In der Zeit der Republik wurde somit aus einer ehemals latinischen Führungsschicht eine plebejische Führungsschicht. Somit lies Rom nicht nur zu, dass das alte Gefüge intakt blieb, sondern schaffte durch die Integration eines ganzen Volkes auch einen starken kulturellen und technischen Austausch. Zu erwähnen ist hier ebenfalls, dass integrierte Gebiete ihre Gottheiten an ihren Kultorten behalten durften und keiner Überführung nach Rom anheim fielen. Somit blieb ebenfalls ein gewisser Teil ihrer Kultur, zu deren Teil ich ebenfalls Religion zähle, erhalten. Und doch ist auch hier der Rückschluss falsch, Rom als offenen Staat zu sehen, der den Gebieten freie Hand ließ. Für die sakralen Repräsentations- und Koordinationsaufgaben in den integrierten Gebieten wurde im Jahr 338 v. Chr. ein Dictator eingesetzt. Die Rechtssprechung ging auf einen Praetor über und es wurden ein oder zwei Ädilen in den jeweiligen Staaten eingesetzt.10 Dieser Prozess der Integration verlief sich im 2 JH. v. Chr., da teilintegrierte Staaten den zunehmenden Verlust an Sozialprestige, den eine volle Integration mit sich brachte, und die schwindende Autorität von römischen Amtsträgern sahen und so der Wunsch nach einer vollen Integration und einer Aufgabe der Eigenständigkeit ebenfalls schwand. Es ist daher zu vermuten, dass Rom daher dazu überging durch enge Vertragsschlüsse eine indirekte Romanisierung in den Vertragsstaaten zu erreichen. In den folgenden Jahrhunderten gab es noch eine Reihung von weiteren Umwälzungen der teilintegrativen Herrschaftsform Roms, jedoch soll im Kontext der Fragestellung die teilintegrative Herrschaftsform zu Zeiten des zweiten punischen Krieges untersucht werden, da gerade der zweite punische Krieg einen guten Eindruck vermittelt, wie sehr Rom auf die Unterstützung seiner Bundesgenossen angewiesen war. Der Krieg im Jahre 215 v. Chr. nahm eine neue Wendung als König Philipp V. von Makedonien einen Vertrag mit Hannibal abschloss, in dem beide ihr Vorgehen gegen Rom zu koordinieren beabsichtigten. Mit Hannibal in Italien musste Rom seine gesamten Kräfte auf den Krieg gegen ihn richten und war daher auf die Unterstützung seiner Bundesgenossen angewiesen. Nach Hantos11 war Rom zu jenem Zeitpunkt zu einer Politik der teilintegrativen indirekten Herrschaft übergegangen, indem vor allem Defensivbündnisse mit anderen Staaten getroffen wurden. Hantos chronologische Einordnung der Übergänge zu den einzelnen Herrschaftsformen sehe ich kritisch an, da Rom unterschiedliche Verträge und Herrschaftsformen zeitlich unabhängig und je nach Vertragspartner abschloss. Trotzdem zeigt er deutlich auf, dass Rom auf die Unterstützung seiner Bundesgenossen angewiesen war. Doch Rom musste vorsichtig mit seinen Bundesgenossen umgehen. So musste ihnen ein gewisses Maß an Autonomie gelassen werden und in Zeiten des Krieges musste man sich sicher sein, dass sie zu Rom stehen würden. Cassius Dio berichtet folgendermaßen über die Vorgänge während dem Pyrrhischen Krieg ( 280 - 275 v. Chr. ):
" So machten sich die Römer daran, Soldaten auszuheben, Geldmittel beizuholen, und Besatzungen über die Verbündeten Städte zu verteilen, damit diese nicht ebenfalls abfielen... "12
Inwieweit Rom den zweiten punische Krieg ohne die Rückendeckung seiner Bundesgenossen im Osten gewonnen hätte, bleibt fraglich. Somit ist die Integration von Bundesgenossen in die politischen Pläne und dem Militär Roms als eine außerordentlich wichtige Errungenschaft anzusehen, die sicherlich einen großen Teil zum Erhalt einer Weltmachtstellung beitrug.

Domi Militiae

Um nun die Frage zu beantworten, inwieweit die Integrationsfähigkeit Rom zur Stellung als Weltmacht verholfen hat, stellt sich der Begriff des " Domi Militiae " als gute Ergänzung zu den bereits behandelten Themengebieten der Religion und des Bundesgenossensystems dar. Es soll daher in diesem Kapitel gezeigt werden, wie die Integration des religiösen- in den militärischen Bereich funktionierte und wie er Rom möglicherweise half den Status einer Weltmacht zu erringen und zu erhalten. Religion stellt einen kulturellen Fixpunkt dar, an dem sich ein Volk orientieren und als Gemeinschaft definieren kann. Im Kontext mit Krieg wirkt Religion als moralischer Katalysator, welcher die jeweilige Kriegspartei gegen Vorwürfe immunisiert. Somit wird Gleichzeitig auch ein Feindbild geschaffen, welches in einem Prozess der Dämonisierung das Gegenüber als Feind der Götter und somit auch als Feind des Staates und des Volkes darstellt. Die Folge dieser Dehumanisierung soll den Soldaten bei einer direkten kriegerischen Konfrontation mit dem Feind die Tötungshemmungen nehmen. Schlussendlich dient Religion der Stärkung der Moral der eignen Truppen. Die Religiöse Einbindung in den Krieg, also die religiöse Konstruktion des Krieges, kann durch Rituale, Glaubenssätze und Rechtssätze als Normalisierungsfaktor des Unnormalen dienen. Das Volk dient einem höheren Zweck und muss somit die bevorstehenden Strapazen erdulden und sein bestmögliches tun, um der Aufgabe der Götter gerecht zu werden. Um nun die Frage wann ein Krieg gerecht sei ( bellum iustum ) zu beantworten, entstand in Rom eine eigene Institution, die sogenannten " Fetialen "13. Ihren Ursprung haben die " Fetialen " in der Problematik der Familienfehden in Rom. Als stattliches Organ mit eigenen Riten sollte dem ausufern der Fehden Einhalt geboten werden. Was zunächst der Kontrolle von Familienfehden diente, wurde seit der Mitte des dritten Jahrhunderts zu einem Kontrollorgan des Senats, um weit entfernte Magistrate zu kontrollieren und bei gegebenen Verfehlungen so zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei wurde auf die selbstständige Vertragsschließung der Magistraten eingegangen. Wenn sie eigennützigen Verträge schlossen, die zu Konflikten mit Bundesgenossen oder anderen Völkern führten, konnten die " Fetialen " durch Auslieferung des entsprechenden Vertragssünders Konflikte vom Staat abwenden. Mit der weiteren Entwicklung des römischen Staates veränderte sich ebenfalls der Aufgabenbereich der " Fetialen ". Ihre Mitglieder gehörten einem Priesterkollegium an, die den Gegner Roms die Chance auf Wiedergutmachung ( rerum repetito )14 einräumte und falls diese ablehnten, den Krieg erklären konnten. Sie traten somit als Völkerrechtsexperten für die Interessen Roms auf. Im Falle eines " bellum iustum " zogen sich sakrale Riten durch die gesamte römische Kriegsführung und bildeten eine streng gegliederte Anleitung wie ein solcher Krieg zu führen war. Nach der Kriegserklärung durch die Priester wurde vor dem Entsenden der Truppen ein Divinationsakt durchgeführt. Bei den Auszugsauspizien wurde daher genau untersucht, ob Iuppiter seine Zustimmung für einen entsprechenden Feldzug dem Senat erteilte. Es konnte ebenfalls ein Rückruf des Generals von seinem Feldzug erteilt werden, um erneut Auspizien ( auspicia repetere ) durchzuführen. Hier findet sich erneut der politische Instrumentalisierungsfaktor von Religion. Ob der Gegenwärtige Zeitpunkt einer Schlacht gekommen war oder nicht, konnte durch Manipulation der Auspicien durch den Feldherr gesteuert werden. Für eine vollständige Legitimation des Feldzuges legte der Feldherr auf dem Kapitol des Iuppiter mehre Gelübde ab, die dieser nach einem erfolgreichen Feldzug einlösen wollte ( vota nuncupare ). Mit dem Auszug des Heeres aus Rom wurde die " porta Ianualis " geöffnet. Diese Pforte, ein Tor welches dem Forum am nächsten war, diente als Orientierungspunkt für alle Römer ob Rom gegenwärtig im Krieg war. In Zeiten des Friedens blieb sie geschlossen. Die Reinigung des Heeres durch eine sogenannte " lustratio exercitus " erfolgte nach dem Eintreffen des Feldherren. Bei diesem Ritus wurden Opfertiere um das gesamte Heer geführt und anschließen geopfert. Im Anschluss legte das Heer ein " sacramentum ", einen Eid auf den Feldherren, ab, indem ein Text vorgelesen wurde, den jeder Soldat mit den Worten " idem in me " ( lat.: Das Gilt auch für mich ) antwortete. Ein Schwur auf den Feldherren kann hierbei als außerordentlich wichtiger Akt angesehen werden. Nicht nur römische Vollbürger mussten ihm die Treue schwören, sondern auch die Soldaten die von Bundesgenossen gestellt wurden. Somit wurde eine Eingliederung fremder Truppen in das römische Heer geschaffen, welche dazu führte das selbst Nicht-Römer sich als Teil eines ganzen verstanden. Es wurde, wenn man so will, eine Romanisierung im Heer geschaffen. Wie vermischte sich aber nun das private oder zivile ( domi ) mit dem militärischen ( militiae )? Konnte überhaupt eine Integration des privaten Sektors in den militärischen funktionieren? Um diese Frage zu beantworten muss erst einmal verstanden werden, was es bedeutete, ein männlicher römischer Bürger zu sein. Rüpke sieht in der klassischen Konzeption der Republik das jeder Bürger ein potentieller Soldat ist.15 Im Alter von 17 wurden römische Bürger zum Dienst herangezogen und nur in Zeiten äußerster Not auf Sklaven und verurteilte Verbrecher zurückgegriffen. Daher war der Dienst im Heer Privileg und Pflicht zugleich. Somit ist zu erkennen, dass ein römischer Bürger früher oder später in einer Legion dienen musste und im Falle eines Krieges die Grenzen zwischen domi und militiae sich zu vermischen begannen. Nicht nur das Heer befand sich im Krieg, sondern ebenfalls ganz Rom. Das sich jeder römische Bürger, selbst wenn er nicht eingezogen wurde, im Krieg befand, konnte anhand der " porta Ianualis "abgelesen werden. Nach den Erfahrung des ersten und zweiten punischen Krieges wurden Notmaßnahmen notwendig, welche die domi-militiae Trennung aufhoben. Daher fand unter dem dicatator16 eben jene Vermischung beider Bereiche statt, indem das imperium, zu dem auch die Stadt gehörte, in einen militärischen Zustand versetzt wurde. Dieser Zustand konnte nur durch jüngere Institutionen des senatus consultum ultium17, das unter Aufhebung des Provokationsrechts dem Konsul eine abgeschwächte Form von diktatorischen Mächten einräumte und dem iustum18, bei dem alle magistratische und private Geschäftstätigkeiten aufgehoben wurden, erreicht werden. Somit wurde die Stadt in einen Ausnahmezustand gesetzt, was durch den Tausch der Toga gegen den Kriegsmantel, jedem römischen Bürger deutlich vor Augen geführt wurde. Durch diese Riten begann der Krieg nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern es wurde eine Heimatfront geschaffen, die jedem römischen Bürger klar machte, dass die folgenden Ereignisse nicht nur den Staat, sondern jeden einzelnen seiner Bürger betraf. Diese Sensibilität gegenüber auswärtigen Ereignissen markiert eben jenen Wendepunkt des zivilen Bereiches und sollte alle römischen Bürgern in einen Zustand der Aufopferung bringen. Der Ausgang des Krieges lag somit nicht mehr ausschließlich im militiae Bereich, sondern ging über in das domi, was jeden Bürger dazu brachte, mit aller Kraft für einen positiven Ausgang des Krieges für Rom mitzuwirken. Somit erlaubte die totale Mobilmachung aller Kräfte des Staates Rom daher auch verlustreiche Kriege zu überstehen.

Abschließende Diskussion über Roms Fähigkeit der Integration, als Weg zur Weltmacht.

Ein abschließendes Fazit über die Integrationsfähigkeit Roms als Weg zur Weltmacht zu ziehen gestaltet sich keinesfalls als einfach. Durch die Analyse der Bereiche Religion, Bundesgenossensystem und Domi militiae konnte diese Hausarbeit nur einen kleinen Teil der Punkte abdecken, die für eine vollkommene Bestätigung des Terminus erforderlich wären. Nichtsdestotrotz zeigt sich gerade in den genannten Bereichen die stärke Roms deutlich. Religion und ihre Einbindung in die Politik sowie ihre Fähigkeit der Anbindung von Verbündeten markiert einen wichtigen Schritt für Rom seine Dominanz in Italien aufzubauen. Roms jahrhundertelange Suche nach seinem kulturellem Ursprung, ließ das religiöse System offen und adaptionsfähig werden. Politische Ereignisse konnten durch einen sakralen Kontext leichter und besser bewältigt werden und innere Unruhen, durch die Verschiebung der Schuld bei Fehlern im Krieg oder der Innen- bzw. Außenpolitik auf einzelne Personen, überwunden werden. Ein sehr wichtiger Punkt für Roms Weltherrschaft war sicherlich ihr sehr gut ausgearbeitetes Bundesgenossensystem, dass erlaubte, Kräfte in Kriegszuständen zu schonen und kriegswichtige Güter wie Soldaten und Geldmittel schnell zu akquirieren. Das die komplette Entwicklung des Bundesgenossensystems in dieser Hausarbeit nicht in seinem vollen Umfang analysiert werden konnte, liegt an der Stoffmenge die alleine ausreichen würde, eine eigene Hausarbeit diesem Thema zu widmen. Die Trennung Roms, zwischen dem zivilen und dem militärischen Bereich, sowie dessen Vermischung in Kriegszeiten kann ebenfalls als wichtiger Schritt auf dem Weg zur Weltmacht angesehen werden. So konnte Rom in Krisenzeiten den ganzen Staat in einen Ausnahmezustand versetzen, in dem alle römischen Bürger in einen Zustand versetzt wurden, der ihm erlaubte, auf alle verfügbaren Ressourcen zurückzugreifen und innere Unruhen nach außen umzuleiten. Somit war der Forschungsansatz, den ich in dieser Hausarbeit versucht habe zu setzen ein Versuch, eine neue Perspektive auf Rom und den Faktoren die möglicherweise halfen den Status einer Weltmacht zu erhalten, zu lenken.

Quellenverzeichnis:

  1. Ovid, Fasti, lateinisch - deutsch. übersetzt und herausgegeben von Niklas Holzberg, Darmstadt 1995.
  2. Livius, Römische Geschichte, Buch 27 - 30, lateinisch - deutsch. Herausgegeben von Hans Jürgen Hille, Darmstadt 1987.
  3. Livius, Römische Geschichte. Buch 1 - 3, lateinisch - deutsch. Herausgegeben von Hans Jürgen Hille, Darmstadt 1987.
  4. Cicero, Vom Rechten Handeln. lateinisch - deutsch. herausgegeben und übersetzt von Karl Büchner, Zürich 1953.
  5. Polybios, Geschichte, Gesamtausgabe in zwei Bänden, Bd. 1, eingeleitet und übertragen von Hans Drexler, Zürich 1961.
  6. Dio, Römische Geschichte, Band 1, Fragmente der Bücher 1 - 35, übersetzt von Otto Veh, Darmstadt 2007.

Literaturverzeichnis:
  1. Heuss, Alfred, Römische Geschichte, Braunschweig 1971.
  2. Heuss, Alfred, Der erste punische Krieg und das Problem des römischen Imperialismus ( Zur politischen Beurteilung des Krieges ), in. HZ, Bd. 169 H. 3 ( 1949 ).
  3. Rüpke, Jörg; Domi militiae : die religiöse Konstruktion des Krieges in Rom, Stuttgart 1990.
  4. Gehrke, Hans-Joachim, Die Römer im ersten punischen Krieg, in: Spielvogel, Jörg ( Hg. ), Res Publica Reperta; Zur Verfassung und Gesellschaft der römischen Republik und des frühen Prinzipat, Stuttgart 2002.
  5. Mommsen, Theodor/ Joachim Marquart, Römisches Staatsrecht, in: Handbuch der römischen Alterthümer, Bd. 1, Leipzig 1878.
  6. Delbrück, Hans, Geschichte der Kriegskunst, Das Altertum, Von den Perserkriegen bis Caesar, Hamburg 2008.
  7. Hantos, Theodora, Das römische Bundesgenossensystem in Italien, München 1983.


1 Ovid, Fasti, lateinisch - deutsch. übersetzt und herausgegeben von Niklas Holzberg, 4.270.
2Rüpke, Jörg, Die Antiken Menschen und ihre Götter, in: Wirbelauer, Eckhard ( Hrsg. ), Antike, München 2004, S. 48.
3Livius, Römische Geschichte, Buch 27 - 30, lateinisch - deutsch, Herausgegeben von Hans Jürgen Hille, Darmstadt 1987, S. 371.
4Livius, Römische Geschichte, Buch 27 - 30, S. 375.
5 Cicero, Vom Wesen der Götter. lateinisch - deutsch. herausgegeben und übersetzt von Olof Gigon und Laila Straume-Zimmermann, Zürich 1953, S. 103.
6 Rüpke, Jörg, Domi militiae : die religiöse Konstruktion des Krieges in Rom, Stuttgart 1990, S. 30.
7Horsmann, Gerhard, Untersuchung zur militärischen Ausbildung im republikanischen und kaiserlichen Rom, in: Militärgeschichtlichen Forschungsamt ( Hrg ), Wehrwissenschaftliche Forschungen, Bodt 1991, S. 2.
8Hantos, Theodora, Das römische Bundesgenossensystem in Italien, München 1983, S.11.
9Hantos, Theodora, Das römische Bundesgenossensystem in Italien, München 1983, S. 57.
10Hantos, Das römische Bundesgenossensystem in Italien, S. 71.
11Hantos, Das römische Bundesgenossensystem in Italien, S. 150.
12Dio, Römische Geschichte, Band 1, Fragmente der Bücher 1 - 35, übersetzt von Otto Veh, Darmstadt 2007, S. 207.
13 Rüpke, Domi militiae : die religiöse Konstruktion des Krieges in Rom, S. 98.
14 Rüpke, Domi militiae : die religiöse Konstruktion des Krieges in Rom, S. 98.
15 Rüpke, Domi militiae : die religiöse Konstruktion des Krieges in Rom, S. 58.
16Ebd., S. 55.
17Ebd., S. 55.
18Ebd., S.55.

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